Missverständnisse und alte Hüte

Das „schlechte Gewissen“ beim Hund:

Das, was häufig als schlechtes Gewissen beim Hund gedeutet wird, beispielsweise beim Nachhausekommen des Besitzers, ist nichts weiter, als ein Reagieren des Hundes auf unsere momentane Körpersprache, oder ein vorsorgliches, beschwichtigendes  Verhalten, da der Hund gelernt hat, dass in bestimmten Situationen sein Mensch „aggressiv“ , oder "anders" reagiert.. Der Hund kann dies jedoch nicht mit Dingen verknüpfen, die er vor geraumer Zeit, oder auch nur vor 2 Minuten  getan hat. Er reagiert also nur auf hündische Art auf das aggressive,oder reservierte Verhalten seine Besitzers.

Schwanzwedeln:

Ist nicht immer ein Zeichen von Freundlichkeit!

Schwanzwedeln ist ein Zeichen von Erregung. Auch wie der Schwanz getragen wird, zeigt wie das Wedeln zu interpretieren ist. Wenn der Hund bei niedrig getragener Rute diese weit seitlich schwingt und das ganze Hinterteil, oder der Rutenansatz mitwackeln, dann freut er sich wahrscheinlich.

Ein Wedeln vorm Kaninchenbau deutet wohl eher auf Erregung hin, es sei denn der Hund möchte das Kaninchen freudig und freundlich begrüßen!

Auch das Wedeln bei Hundebegegnungen bedeuted nicht automatisch Freundlichkeit. Es ist also wichtig darauf zu achten, wie der Hund seine Rute dabei trägt und welche Teile der Rute dabei wedeln!

Signalverknüpfung (Kommandos erlernen)

Ein Hund braucht ca. 1000 Wiederholungen,in verschiedensten Situationen und Umgebungen, bis er ein bestimmtes Signal, einer bestimmten Verhaltensweise zuordnen kann! („ Beim Wort Sitz, bringe ich mein Hinterteil mit dem Boden in Berührung"). Zuvor muss das Signal immer nur dann gegeben werden, wenn der Hund das zu erlernende Verhalten auch gerade zeigt. Sonst kommt es zu Fehlverknüpfungen, der Hund kann mit dem Signal nichts anfangen. Ruft der Besitzer den Hund beim Erlernen des Kommandos „Komm“ beispielweise, wenn dieser sich gerade abwendet, lernt der Hund möglicherweise: Komm bedeutet abwenden. Erst , wenn ein Signal wirklich fest verknüpft ist, kann man es vom Hund in(fast) allen Situationen verlangen.

Dominanz:

Ist keine Charaktereigenschaft! Dominanz ergibt sich aus der Interaktion zweier Individuen, die länger miteinander zu tun haben. Mit der Zeit ergibt sich dann eine Struktur, in der klar ist, wer in bestimmten Situationen mehr Rechte hat, als der Andere, oder wer in Krisensiutationen die Führung übernimmt. Es gibt  natürlich eher selbstbewusste und selbstsichere Kandidaten, aber dominant kommt keiner zur Welt. Auch hat Dominanz nichts mit Aggression oder Gewalt zu tun. Dem Hund also gewaltsam zeigen zu wollen, wer „der Herr im Hause“ ist, führt meist nur zu verunsicherten  Hunden, die im schlimmsten Fall dazu übergehen, ihre eigene Haut gegenüber ihrem unberechenbaren, aggressiven Menschen zu verteidigen. Von einer vertrauensvollen Bindung kann hier dann nicht mehr die Rede sein.

Rangordnung und Gehorsam:

Zwischen Ungehorsam und Rangordnung  besteht kein direkter Zusammenhang! Ein ungehorsamer Hund ist dies aus den verschiedensten Gründen, sei es er hat das Signal noch nicht richtig erlernt, der Mensch drückt sich unklar aus, oder der Hund ist einfach zu abgelenkt. Den Hund zu „unterwerfen“ kann deshalb auch nicht die Lösung des Problems sein. Die Rangordnung spielt nur insofern eine Rolle, als dass ein rangniederer Hund gegenüber seinem ranghöheren Besitzer aufmerksamer ist und Belohnungen von Seiten seines Menschen mehr schätzt, da dies für ihn wichtige, sonst nicht frei zugängliche Ressourcen sind.

Alpharolle, Schnauzgriff und Co:

Waren früher weit verbreitete Techniken, um den Hund zum Gehorsam zu bringen. Zur Alpharolle: Hierbei versucht der Mensch den Hund auf den Rücken zu drehen und festzuhalten, bis dieser „aufgibt“. Man glaubte, im Rudel würde ein ranghohes Tier dieses mit einem rangniederen machen. Tatsächlich begibt sich das rangniedere Tier jedoch selbstständig in die Rückenlage und bezeugt so seine Demut, und wird nicht aktiv vom anderen auf den Rücken gerollt!

Schnauzgriff, Nackenstüber und „Rempeleien“ werden zwar im Rudel angewandt, wir müssen uns aber bewusst sein, dass wir diese Techniken bei unseren Hunden niemals so einsetzten können, wie Hunde dies untereinander tun. Wir sind nun mal keine Hunde und haben eine andere Körpersprache. Zwar können wir lernen unsere Körpersprache so ein zu setzten, dass sie für den Hund  einfacher zu lesen ist, aber körperliche Züchtigungsmaßnahmen in der richtigen Intensität, Dauer und Situation an zu wenden, dass sie für den Hund klar zu deuten ist, ist wohl eher schwierig. Wahrscheinlicher ist, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und Hund leidet, da der Mensch für den Hund nicht berechenbar ist.

Bestrafung, wenn der Hund andere Menschen oder Hunde anknurrt oder anbellt:

Hier muss man sich erst einmal fragen: Was lernt der Hund in dieser Situation? Warum verhält er sich so?

Knurrt der Hund Menschen oder Hunde an, so macht er dies bestimmt nicht, weil es ihm gerade Spaß macht. Wahrscheinlich möchte er den Abstand vergrößern und fühlt sich nicht sonderlich toll. Wenn er jetzt von seinem Menschen auch noch „eins drauf“ kriegt , wird die Situation nicht gerade besser. Womöglich lernt er, dass sein Besitzer in Gegenwart von fremden Menschen oder Hunden ihm gegenüber aggressiv wird, und möchte jetzt erst recht, diese Auslöser vertreiben. Oder er fühlt sich durch dass „Mitknurren und Bellen“ seines Besitzes bestärkt und dreht noch mehr auf. Auch kann passieren, dass der Hund lernt, nicht mehr zu knurren, da er dann Ärger bekommt. Da er sich aber irgendwie mitteilen muss („komm mir nicht zu nah“), wird er womöglich direkt, ohne Knurrwarnung beissen.

Alles Dinge, die man nicht unbedingt haben muss. Sinnvoller ist es, deshalb dem Hund bei zu bringen, dass die Gegenwart von anderen Menschen oder Hunden, (oder anderen Dingen), zu durchweg angenehmen Begleiterscheinigungen führt. („Da ist ein anderer Hund- oh toll jetzt gibt es was tolles“).

Ein Hund, der über Bestrafung und körperliche Gewalt „erzogen“ wird, kann zwar auch ein gut hörender Hund sein, eine harmonische Beziehung zu seinem Menschen wird er aber nicht haben.

 

Menschliche Körpersprache

Herr Müller ruft seinen Hund Bello. Da Herr Müller von seinem Hund sofortigen Gehorsam erwartet  und dieses zum Ausdruck bringen möchte, ruft Herr Müller in sehr strengem Tonfall , lehnt sich mit dem Oberkörper nach vorne und schaut Bello starren Blickes ins Gesicht.

Was geschieht? Bello kommt zunächst auf das Rufen von Herr Müller herangelaufen, wird aber, je mehr sich die Distanz verringert, immer langsamer. Kurz vor seinem Herrchen wendet Bello den Kopf ab und beginnt am Boden zu schnüffeln. Herr Müller ist erbost über das „ignorante Benehmen“ seines Hundes und beginnt zu schimpfen...

Ein Beispiel das man täglich zu sehen bekommt.

Aus Sicht des Hundes benimmt Herr Müller sich aber höchst merkwürdig: Verbal teilt der Besitzer ihm mit, dass er herankommen soll, aber körpersprachlich wird Bello massiv bedroht. Das Vornüberbeugen und Anstarren bedeuten aus der Hundesicht eher: komm mir nicht zu nahe- ich greife sonst an. Deshalb beginnt Bello sein Herrchen mit dem ihm zur Verfügung stehenden Ausdrucksmethoden zu beschwichtigen: er bewegt sich langsamer, wendet den Blick ab und schnüffelt am Boden. (Dies ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt aus dem hündischen Beschwichtigungsrepertoire). Trotzdem wird sein Herrchen immer ungehaltener...

Solche Beispiele machen deutlich, dass wir mit der spontanen Deutung des hündischen Verhaltens eben oft daneben liegen.

Es erleichtert die Hundeerziehung ungemein, wenn man weiss, warum ein Hund sich so verhält wie er es tut und man entspechend darauf reagiern kann.

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